“Die Freiheit ist weiblich“

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“Die Freiheit ist weiblich“

Der 16. September 2022 war ein Wendepunkt der bisherigen Protestbewegungen im Iran. An diesem Tag wurde die 22-jährige Jina Mahsa Amini von der iranischen Sittenpolizei festgenommen und ermordet, weil sie ihr Kopftuch nicht regelkonform getragen hatte. Aus der Trauer um ihren Tod wurde Wut und dies entzündete die Proteste. Proteste gegen die geistliche Herrschaft, gegen die gegenwärtige Situation der Frauen aber auch allgemein gegen die katastrophale Menschenrechtslage in Iran. Tausende Frauen verbrannten ihre Kopfbedeckungen und schnitten sich die Haare ab – eine Art radikale Selbstverstümmelung, als Demonstration  ihrer Freiheit.

Das ist aber nicht zum ersten Mal, dass die Frauen im Iran für ihre Rechte und Freiheit protestieren und auf die Straße gehen. Um die Wurzel dieses Wendepunktes zu verstehen, müssen wir weit in die Vergangenheit reisen. 

Die Frauen im Iran kämpfen bereits seit über fünf Generationen für Selbstbestimmung und Freiheit. Die Frauenbewegung hat im Iran eine lange Tradition. Bereits im 19. Jahrhundert. 

Ab dem 20. Jhd. schlossen sich viele Frauen der konstitutionellen Revolution gegen die Monarchie an und bezahlten dies mit ihrem Leben. Sie gingen als Männer verkleidet auf die Proteste. Erst im Nachhinein, als man ihre Leichen fand, stellte sich heraus, dass es Frauen waren. 

Als 1906 vom Schah Mozaffar ad Din ein Parlament erlaubt wurde, wurden die Frauen vom Wahlrecht ausgeschlossen. Das stieß in gebildeten Kreisen auch bei Männern, die für ihre Töchter ein besseres Leben wünschten, auf Widerstand.

Einer von diesen Männern war der Geistliche Hadi Dowlatabadi. Seine Tochter wurde sodann eine wichtige Figur der Frauenbewegung im Iran. Sie war Autorin und Herausgeberin der ersten Frauenzeitschrit und setze sich für Frauenrechte ein. Insbesondere der Zugang zur Bildung war für sie ein großes Thema. Sie hatte es früh verstanden, dass Bildung der Schlüssel zur mehr Teilhabe und Selbstbestimmung ist. 

So finanzierte wohlhabende Frauen Mädchenschulen und gründeten landesweite Frauenvereine. 

So entwickelte sich bereits im 20. Jahrhundert eine starke Frauenbewegung im Iran. 

Mit dem Putsch von Reza Schah Pahlavi (Reza Khan) eine Erstarkung der Frauenrechte im Iran. 

Er verhängte einen Verschleierungsverbot nach dem Vorbild von Atatürk. In dieser Zeit wurde der 7. Januar als der Tag der Befreiung der Frau gefeiert. Er ließ Frauenvereine gründen, führt die Schulpflicht für Mädchen ein, ließ in Dörfern Schulen bauen und führte mit eiserner Hand diese Regelungen durch. 

Seine beiden Töchter nahmen dabei eine wichtige Rolle ein und wurden zu engen Verbündeten von Frauenaktivistinnen wie Dowlatabadi. 

In dieser Zeit wuchs auch eine linksorientierte Frauenbewegung heran, die auch religiöse Frauen mobilisierte. Weil sie alle Frauen ansprach. 

Als sein Sohn Mohammad Reza Pahlavi den Tron annahm, erließ er dann 1963 per Dekret das aktive und passive Frauenwahlrecht. 

In den 60-er und 70-er konnten Frauenaktivistinnen der zweiten Generation viele Gesetzesänderungen durchsetzen. Hierzu gehörte zum Beispiel Mehrangiz Dolatshahi, die in Deutschland studierte und die erste weibliche Botschafterin Irans in Dänemark war.

Viele diese Errungenschaften der Frauen waren dem Klerus ein Ärgernis, denn sie stellten Frau und Mann gleich und erlaubten den Staat diese Gleichberechtigung auch durchzusetzen.

Seit der islamischen Revolution 1979 sind diese Errungenschaften jedoch Stück für Stück immer mehr wieder zurückgenommen.

Während der Revolution 79 wurde der Hijab (Tragen eines Kopftuchs) zu einem politischen Symbol gegen das Pahlavi-Regime, da der Vater des Schahs die Frauen zwang, kein Kopftuch zu tragen. Nach der Revolution wurde der Hijab schrittweise zur Pflicht gemacht. 1979 verkündete Ayatollah Khomeini, dass Frauen die islamische Kleiderordnung einhalten sollten.

Als der Hijab im Februar 1979 zum ersten Mal obligatorisch wurde, stieß er auf Proteste und Demonstrationen von liberalen und linken Frauen und Tausende von Frauen nahmen am Internationalen Frauentag, dem 8. März 1979, an einem Frauenmarsch teil, um gegen die Verschleierungspflicht zu protestieren. Die Proteste führten zur vorübergehenden Aufhebung der Verschleierungspflicht. Die Demonstrationen wurden mit Zusicherungen der Regierung beantwortet, dass die Erklärung nur eine Empfehlung sei.  Nach der Machtübernahme von konservativen und islamistischen Kräften durch die systematische Eliminierung der liberalen und linken Kräfte, wurde die Verschleierung jedoch allen Frauen aufgezwungen. Dies begann mit der „Islamisierung der Ämter“ im Juli 1980, als unverschleierten Frauen der Zutritt zu Regierungsbüros und öffentlichen Gebäuden verweigert wurde und ihnen unter Androhung einer Entlassung verboten wurde, unverschleiert an ihren Arbeitsplätzen zu erscheinen. Die islamischen Kräfte, die sich nun durch das Gebot von Ayatollah Khomeini gestärkt fühlten, gingen dann autonom gegen unverschleierte Frauen vor.

Anschließend wurde der Hijab in Regierungen und öffentlichen Ämtern obligatorisch, im Juli 1981 wurde ein Erlass zur obligatorischen Verschleierung in der Öffentlichkeit eingeführt, dem 1983 ein islamisches Strafgesetz folgte, das die Bestrafung von 74 Peitschenhieben für unverschleierte Frauen anordnete.

Seit 1995 können unverschleierte Frauen auch inhaftiert und sogar mit einem Bußgeld bestraft werden.

Der Höhepunkt der gegenwärtigen iranischen sozialen und politischen Frauenbewegung fand am 27. Dezember 2017 statt. Der Tag, an dem Vida Movahed, eine junge Mutter in Sportkleidung, auf einen Stromkasten in der Enghelab-Straße stieg und ihr Kopftuch aus Protest an einen Stock band. Andere Frauen folgten ihr, kletterten auf Strommasten und lösten die Bewegung der „Frauen der Revolutionstraße“ aus. Die meisten von ihnen wurden von der Regierung verhaftet, zu langen Gefängnisstrafen verurteilt.

Die Unterdrückung der Frauen endet nicht bei den Kleidervorschriften, sondern geht in vielen sozialen und gesellschaftlichen  Situationen weiter. Die Frauen wurden nach und nach immer mehr entrechtet und aus der der Öffentlichkeit verbannt. Das zumindest die Intention der Islamischen Republik 

Im Prinzip sind Frauen in Iran rechtlich nur die Hälfte eines Mannes wert. Vor Gericht müssen zwei Frauen aussagen, um der Aussage eines Mannes gleichzukommen oder bei einem Autounfall erhält die Familie einer Frau nur die Hälfte der Entschädigung, die die Familie eines Mannes bekommt oder Frauen können sich nicht einfach scheiden lassen. Somit ist die Frau zu einem Freiheit-Symbol geworden. Dies haben viele direkt nach der Revolution erkannt: Die Freiheit einer Gesellschaft misst man an der Freiheit der Frau.

Doch die Frauen im Iran haben es sich nehmen lassen immer dagegen zu kämpfen und zu protestieren. Jeder von ihnen in ihren Möglichkeiten. Durch kleine Gesten des zivilen Ungehorsam, indem das Kopftuch immer bunter und kleiner wurde, die Mäntel noch farbenfroher und kürzer wurden bis zu großen Gesten, wie die von Vida Movahed und ihre Nachahmerinnen. Unser Logo zum Beispiel spiegelt eine solche Frau wieder. Diese Szene hat im Iran so stattgefunden. 

Die Bedeutung des Kopftuches für die gesamte frauenverachtende Ideologie als Grundpfeiler des islamischen Regimes ist sehr zentral: «Wenn die islamische Revolution kein anderes Ergebnis haben sollte als die Verschleierung der Frau, dann ist das per se genug für die Revolution», hatte Khomeini einst gesagt.  Das Regime weiß genau, dass ein Schritt zurück, nichts anderes als die Kapitulation des Regimes bedeutet. Der Fall dieser ersten bzw. letzten Bastion des Regimes würde einen Dominoeffekt in allen anderen gesellschaftlichen Forderungen hervorrufen.

Es gibt keine Zurück mehr. Dieses Regime muss gestürzt werden oder wir alle werden sterben. Skandieren die Protestierenden immer wieder und sie haben recht. Denn dieses Regime hat alles zu verlieren und schlägt wie ein wildes Tier, das verwundet ist und gefangen, um sich gerade. 

Im Iran hat es in den vergangenen Jahrzehnten viele Proteste gegeben, sowohl große als auch kleine. Die aktuellen Proteste unterscheiden sich jedoch von den vorherigen, nicht nur weil das Ziel erstmals der Sturz der Islamischen Republik ist. Zum ersten Mal seit der Einführung der Islamischen Republik im Jahr 1979 gehen alle Geschlechter, Ethnien, gesellschaftlichen Schichten und Altersgruppen gemeinsam auf die Straße – und das in allen Provinzen des Landes. Protestieren im Iran bedeutet, dass man nicht weiß, ob man abends wieder nach Hause kommen wird. Trotzdem halten die Proteste seit mehreren Monaten an und werden von Frauen angeführt. Einige sprechen bereits von einer Revolution, insbesondere da es sich um eine mögliche erste feministische Revolution der Welt handeln könnte.

Die revolutionären Proteste, die seit September 2022 in unterschiedlichen Stärken andauern, sind wesentlich anders als die Proteste davor. Die Menschen fordern grundlegende Änderungen in dem aktuellen Machtsystem und haben begriffen, dass die Idee einer besseren Zukunft nicht mit der jetzigen Machtstruktur möglich ist.

Es ist wichtig, dass wir im Westen nicht nur zuschauen, sondern uns aktiv an der Revolution beteiligen. Jeder von uns kann einen Beitrag leisten, indem wir Demonstrationen unterstützen, Petitionen unterzeichnen, Abgeordnete anschreiben und die Informationen über die sozialen Medien teilen. Außerdem sollten wir uns über die Situation im Iran informieren und mit anderen darüber sprechen.

Denn die größte Herausforderung der Frauen im Iran sind nicht der Klerus und das menschen- und insbesondere frauenverachtende Gesetzgebung – denn dagegen sind sie geübt zu kämpfen- Ihr Problem sind die westlichen Politikerinnen, die sich diesem Unterwerfen und damit die Gesetze dieser Unmenschen legitimieren. 

Und noch größer für die iranische Freiheitsbewegung sind die Appeacement Politik des demokratischen Westens mit den Unterdrückern. 

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